
Gestern war Landtagswahl in Baden-Württemberg. Ich habe den Abend vor dem Fernseher verbracht und zwischen Freude, Schadenfreude und Fassungslosigkeit hin und her gewechselt. In dieser Reihenfolge.
Cem Özdemir hat es verdient
Was mich wirklich gefreut hat: Cem Özdemir lag monatelang zurück. Viele hatten ihn abgeschrieben. Aber er hat nicht klein beigegeben. Er hat einfach weitergemacht - ruhig, sachlich, unaufgeregt. Keine Schlagzeilen, kein Theater. Pragmatische Politik, ähnlich wie sein Vorgänger Winfried Kretschmann.
Und die Menschen haben das honoriert. 30,2 Prozent für die Grünen, stärkste Kraft. Nicht weil die Leute plötzlich alle grün denken, sondern weil sie jemanden gewählt haben, der einfach seinen Job machen will. Das hat mir gestern Abend ein Stück weit gute Laune gemacht.
Die FDP: Eine verdiente Quittung
Dann die Schadenfreude. Ja, ich weiß - Schadenfreude ist kein schönes Wort. Aber ich sage es trotzdem: Ich habe mich gefreut, dass die FDP aus dem Landtag geflogen ist. 4,4 Prozent. Raus.
Ich verstehe, dass Parteien Klientelpolitik machen. Das gehört dazu. Aber was die FDP in der Ampelregierung bis 2024 abgezogen hat, war keine Klientelpolitik. Das war destruktiv. Eine Regierung von innen heraus sprengen, um sich dann als Opposition zu inszenieren - das geht nicht.
Ja, mir ist bewusst, dass eine FDP unter fünf Prozent bedeutet, dass die AfD anteilig mehr Sitze im Landtag bekommt. Das ist mir in diesem Fall egal. Weil der Schaden, den dieses Verhalten in der Demokratie angerichtet hat, auf keine Kuhhaut geht. Ich hoffe wirklich, dass diese Partei die Quittung bekommt, die sie verdient.
Die AfD: Als Unternehmer fassungslos
Und dann das, was mich den ganzen Abend nicht losgelassen hat: 18,8 Prozent für die AfD [9]. Fast verdoppelt gegenüber 2021. 35 Sitze im Landtag. In Baden-Württemberg.
Das muss man sich mal vorstellen. Baden-Württemberg. Ein Land, dessen Wirtschaftskraft maßgeblich von Menschen mit Migrationshintergrund aufgebaut wurde. Ein Land, in dem in jeder Firma, in jedem Krankenhaus, in jeder Schule Menschen aus der ganzen Welt arbeiten. In Sindelfingen, wo ich wohne, hat die AfD rund 17 Prozent bekommen. In einer Stadt, die ohne Daimler und ohne die Menschen, die dort aus aller Welt hinzugezogen sind, nicht existieren würde.
Meine Frau kommt aus China. Wir leben hier, wir arbeiten hier, unsere Kinder wachsen hier auf. Und fast jeder Fünfte in meinem Bundesland wählt eine Partei, die Menschen wie meine Familie am liebsten loswerden würde.
Das Märchen vom harmlosen Westen
Man hört immer wieder: Im Westen sei die AfD ja nicht so extrem. Bürgerlich. Moderater.
Am 28. Februar stand Björn Höcke in einer Sporthalle in Reutlingen-Rommelsbach. 700 Menschen haben ihm zugejubelt [10]. Björn Höcke - vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft, zweimal verurteilt wegen der Verwendung einer Nazi-Parole. In seiner Rede: keine einzige konkrete Lösung für irgendein Problem. Nur Angst, Schuldzuweisungen und das Versprechen, dass Patriotismus alles richten wird.
Draußen standen über 4.000 Menschen dagegen [10]. Das ist die andere Seite. Aber dass 700 Menschen in Baden-Württemberg einem verurteilten Rechtsextremisten zujubeln - das ist nicht harmlos. Das ist nicht moderat. Das ist erschreckend.
Wirtschaftlich ergibt das keinen Sinn
Was mich als Unternehmer besonders fassungslos macht: Ich habe mir das AfD-Wahlprogramm angeschaut. Was da drinsteht, ist für ein Land wie Baden-Württemberg wirtschaftlich eine Katastrophe. Punkt für Punkt.
Fachkräfte rauswerfen, die wir dringend brauchen
Die AfD lehnt Fachkräftezuwanderung ab und will eine "Agentur für Rückgewinnung" abgewanderter Deutscher statt einer Landesagentur für Zuwanderung [1]. Die Realität: In Baden-Württemberg kommen auf 100 Ausbildungsstellen nur 34 Bewerber. In den nächsten zehn Jahren gehen fünf Millionen Babyboomer bundesweit in Rente [2]. Ausländische Beschäftigte erwirtschaften 648 Milliarden Euro Wertschöpfung in Deutschland [3]. Wer soll die Arbeit machen, wenn man Hunderttausende aus dem Land wirft?
Raus aus der EU
Das AfD-Grundsatzprogramm fordert den Austritt Deutschlands aus der EU [4]. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat das durchgerechnet: 690 Milliarden Euro BIP-Verlust in fünf Jahren, 2,5 Millionen Arbeitsplätze weg [5]. Baden-Württemberg, wo 45 Prozent aller Exporte in die EU gehen, wäre überproportional betroffen. Unsere Automobil- und Maschinenbauindustrie lebt vom EU-Binnenmarkt.
Zurück zur D-Mark
Die AfD will raus aus dem Euro [6]. Eine neue D-Mark würde massiv aufwerten - und damit unsere Exporte auf dem Weltmarkt deutlich teurer machen. Die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen nennt das "enorme Sprengkraft" [7]. Für Baden-Württemberg als Exportland Nummer eins wäre das verheerend.
Russland-Sanktionen aufheben
Die AfD will alle Wirtschaftssanktionen gegen Russland aufheben und Nord Stream 2 wieder in Betrieb nehmen [6]. Das Handelsvolumen mit Russland lag vor den Sanktionen bei 2 bis 3 Prozent der deutschen Exporte. Die EU und die USA machen zusammen über 60 Prozent der baden-württembergischen Exporte aus. Man riskiert also die wichtigsten Handelspartner für einen Bruchteil des Volumens - und begibt sich zurück in eine Gasabhängigkeit, die uns 2022 schon über 100 Milliarden Euro gekostet hat.
Verbrenner-Aus aufheben
Klingt erstmal gut für ein Autoland. Aber Mercedes-Benz, Porsche, Bosch und ZF haben bereits Milliarden in die Elektrifizierung investiert. China, der größte Automarkt der Welt, setzt massiv auf E-Mobilität. Und das EU-weite Verbrenner-Aus ist geltendes EU-Recht - auf Landesebene kann man das gar nicht aufheben [1].
181 Milliarden Euro Steuergeschenke
Die AfD verspricht massive Steuersenkungen. Grundsteuer weg, Erbschaftsteuer weg, um nur einige zu nennen. Gleichzeitig soll die Schuldenbremse eingehalten werden. Das IW Köln hat nachgerechnet: 181 Milliarden Euro Steuerausfälle [8]. Das ist rechnerisch schlicht nicht darstellbar.
Und dann ist da noch der indirekte Schaden: Fast jeder zweite Unternehmer berichtet laut IW Köln bereits jetzt von Schwierigkeiten, in AfD-Hochburgen ausländische Fachkräfte zu gewinnen [3]. Wer will schon in einer Region arbeiten, in der eine Partei stark ist, die einen am liebsten loswerden möchte?
Wie können Unternehmer das unterstützen?
Was ich wirklich nicht verstehe: Wie kann ein Unternehmer in Baden-Württemberg die AfD wählen? Nicht aus moralischen Gründen - obwohl die allein schon reichen würden. Sondern rein wirtschaftlich.
Jeder einzelne Punkt im AfD-Programm schadet dem Standort. Fachkräfte weg, EU-Binnenmarkt weg, Euro weg, Handelspartner verprellt, Investitionen der Automobilindustrie entwertet. Das ist kein Wirtschaftsprogramm. Das ist ein Abrissplan.
Was bleibt
Ich schreibe normalerweise über digitale Souveränität, Tools und Erfahrungen aus dem Berufsalltag. Aber manchmal muss man auch über Dinge schreiben, die einen nicht schlafen lassen. Gestern war so ein Abend.
Die gute Nachricht: Pragmatische, ruhige Politik wird belohnt. Özdemir hat das bewiesen. Die FDP hat die Quittung für destruktives Verhalten bekommen.
Die schlechte Nachricht: Fast jeder Fünfte in Baden-Württemberg hat eine Partei gewählt, deren Programm diesem Land auf wirtschaftlicher und menschlicher Ebene schaden will. Und wer denkt, die seien im Westen harmloser, sollte sich fragen, warum 700 Menschen in Reutlingen einem verurteilten Rechtsextremisten zujubeln.
Ich möchte in einem Land leben, das bunt ist. In dem meine Familie willkommen ist. In dem Unternehmen wachsen können, weil die besten Köpfe kommen - egal woher. Dafür lohnt es sich, Haltung zu zeigen.
Quellen
[1] AfD Baden-Württemberg: Wahlprogramm Landtagswahl 2026 - "Unser Land verdient ein Comeback" (beschlossen am 23.11.2025 in Hechingen)
[2] IAB / DIW Berlin: "Deutschland braucht 400.000 Migranten pro Jahr" - Analyse zum demografischen Wandel und Arbeitskräftebedarf
[3] IW Köln: "AfD schadet dem Wirtschaftsstandort Deutschland" - Unternehmensbefragung zu Fachkräftegewinnung und Wertschöpfung ausländischer Beschäftigter (Kurzbericht 29/2024)
[4] AfD: Grundsatzprogramm - Forderung nach EU-Austritt bzw. "demokratischer Auflösung und Neugründung einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft"
[5] IW Köln: "Dexit würde 690 Milliarden Euro kosten" - Studie von Bardt, Bolwin, Busch, Matthes (2024)
[6] AfD: Bundestagswahlprogramm 2025 - Forderungen zu Euro-Austritt, D-Mark-Rückkehr und Aufhebung der Russland-Sanktionen
[7] Monika Schnitzer (Vorsitzende der Wirtschaftsweisen): Zitat zur "enormen Sprengkraft" einer D-Mark-Rückkehr, via Handelsblatt
[8] IW Köln: Analyse der AfD-Steuerpolitik - 181 Milliarden Euro Steuerausfälle bei gleichzeitiger Schuldenbremse
[9] Statistisches Landesamt Baden-Württemberg: Vorläufiges Ergebnis der Wahl zum 18. Landtag am 8. März 2026
[10] Kontext Wochenzeitung: "Björn Höcke in Reutlingen - Auftritt um 19.33 Uhr" (Ausgabe 779, 04.03.2026)